Logo 11. Sächsisches Theatertreffen Chemnitz
Foto: Uwe Soeder
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Die Orestie

Übersetzung von Peter Stein
Fassung von Mario Holetzeck

Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen

Regie: Mario Holetzeck
Bühne/Kostüme: Linda Kowsky
Choreographie: Gundula Peuthert
Dramaturgie: Eveline Günther

Es spielen: Marian Bulang, Cordula Hanns a.G., Ralph Hensel, Richard Koppermann, Katja Reimann, Larissa Ruppert, sowie als Chor Erik Dolata, Olaf Hais a.G., Katharina Pöpel a.G., Gabriele Rothmann, Jurij Schiemann, Petra Maria Wenzel

Spielort: Schauspielhaus Große Bühne
Spieltag: 16. Mai 2020, 20:00
Spieldauer: 2 Stunden 45 Minuten, mit Pause
Altersempfehlung: 16+
Information: Einführung 30 min vor Vorstellungsbeginn / Nachgespräch im Anschluss

Die Inszenierung bietet eine psychologische Sicht auf einen hochkomplexen Organismus größter Intimität, auf die Familie. Familie ist die Matrix unserer Identität, eine geschlossene Einheit, ein lebendiges System. Jeder ist mit Jedem in einem schwer durchschaubaren Netz von Abhängigkeiten und Schutzfunktionen verbunden. Die Kinder übernehmen Normen von ihren Eltern und geben sie an ihre Kinder weiter. Es ist eine Art psychische Mitgift der Ahnen, die sich in familiären Wiederholungszwängen – über Generationen hinweg – ihren Weg bricht. Die Inszenierung thematisiert außerdem das Verhältnis zwischen Religion und Politik, die Instrumentalisierung von Glauben, Machtstreben, Göttersturz und menschlicher Hybris. Wie autonom ist menschliches Handeln? Wie sind Gewaltspiralen zu durchbrechen? Was ist zu tun, wenn Opfer von Heute zu Inquisitoren von Morgen werden? Darf mit Gott Politik gemacht werden? Was ist Fremdbestimmung, was Eigenverantwortung? Wie tragfähig sind Demokratien? Die Götter, die einst den Weg wiesen, sind den Menschen abhanden gekommen. Es gibt nur noch Frauen und Männer mit ihren Gefühlen, inneren Stimmen, sozialisierten Verhaltensweisen, eingebettet in Wut, Hass, Ohnmacht und Verzweiflung. Wir sind für unser Handeln, im positiven wie im negativen Sinn, selbst verantwortlich. Keine Götter. Nirgendwo.

Agamemnon, der für den Feldzug gegen Troja seine Tochter Iphigenie opferte, kehrt nach zehn zermürbenden Kriegsjahren als Sieger mit der trojanischen Seherin Kassandra als Beute heim. Doch hier erwarten ihn und sie die blutige Rache seiner Frau Klytaimnestra, die mittlerweile mit Aigisthos Macht und Bett teilt. Im zweiten Teil der Trilogie rächen beider Kinder, Orestes und Elektra, die Ermordung des Vaters an der Mutter. Mit dem letzten Part der Orestie hat Aischylos einen Gründungsmythos der attischen Demokratie geschrieben: Der Muttermörder Orestes steht vor Gericht. Er hat sich vor Menschen und Göttern zu verantworten. Vernunft tritt an die Stelle der blinden Rache. Ein Gerichtsverfahren ersetzt die blutige Lösung. Dem Menschen fällt erstmals Verantwortung zu für sein Tun.

Der CHOR (das Volk) verleiht der Geschichte eine besonders tragische Dimension, denn er allein ist der Kommentar par exellence. Seine Stimme macht aus dem Geschehen einen zutiefst menschlichen Vorgang. Der Chor hält den Platz vor dem Palast besetzt. Er bildet die Heimatfront. Er wartet auf eine erlösende Nachricht, denn während des Krieges herrscht ein Machtvakuum in Argos. Der Chor handelt nie. Er kommentiert und moderiert. Er schafft sich seine Wirklichkeit. Er beklagt die Zustände im verlotterten Palast und sehnt sich nach Zucht und Ordnung. Die kann nur ein starker Mann bringen. Orestes. Der Rächer. Der Erlöser. Aber der Chor lässt handeln. Er manipuliert und munitioniert. Er versteht sich als sittliche Instanz und bleibt letztendlich doch nur ein kollektiver Voyeur.


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